ReisetagebuchKolumbien

Medellín – von der Mordhauptstadt zum Vorzeigemodell

Medellín entwickelte sich von einer der gefährlichsten zu einer der sehenswertesten Städte der Welt. Wir haben ein Fußballspiel gesehen, die Comuna 13 besucht, in El Poblado gefeiert und Guatapé besucht.

Armin

Geschrieben von Armin

17. Feb 2020 • 8 Min. Lesezeit

Medellín – von der Mordhauptstadt zum Vorzeigemodell

Wie wir bereits im letzen Blogbeitrag geschrieben haben, sind wir mit einem Nachtbus von Cartagena nach Medellín gereist. Als wir frühmorgens am Busterminal im Norden der Stadt ankamen, setzten wir uns direkt in die Metro – die dafür notwendige Karte hat uns eine nette Backpackerin geschenkt – und fuhren in den Stadtteil El Poblado, wo sich unser Hostel befand. Wir waren ziemlich beeindruckt davon, wie sauber und modern die U-Bahn in Medellín ist. Leider haben wir aber auch feststellen müssen, dass es hier viele Armenviertel gibt und dass in dem Fluss, der durch die Stadt fließt, ziemlich viel Müll liegt.

El Poblado

Wir verbrachten 4 Nächte im Cocoa Hostel in Poblado. Dieser Stadtteil liegt südlich vom Zentrum Medellíns. Hier findet man sehr viele hippe Restaurants, Bars und Hostels. Als Backpacker landet man also höchstwahrscheinlich in diesem Viertel. Wir sind hier zweimal fortgegangen, einmal im Zuge eines Pub-Crawls eines anderen Hostels. Das war recht lustig, aber leider während der Woche, was bedeutet, dass alle Bars/Clubs, die wir besucht haben, ziemlich leer waren als wir ankamen. Es hatte den Anschein, dass das Nachtleben hier eher für Gringos wie uns ausgelegt ist. Im letzten Club ist dann noch ein Typ aufgetaucht, der einen Chippendale-Tanz hingelegt hat und offensichtlich Teil der „Show“ war. Direkt danach hörte der DJ auf zu spielen und wir sollten in einen Partybus steigen, der draußen bereits auf uns wartete. Gott sei Dank ist zufällig der Besitzer unseres Hostels mitgegangen und warnte uns bereits im Vorfeld davor. Der Bus war nämlich viel zu teuer und transportierte die Leute in einen Club weit von Poblado entfernt. Also sind wir gemeinsam mit ihm und ein paar anderen Leuten von unserem Hostel an einem Stand Empanadas essen gegangen und wollten danach zu Fuß zum Hostel gehen, was ungefähr 10 Minuten gedauert hätte. Davon riet er uns aber dringend ab, es sei hier einfach zu gefährlich in der Nacht durch die Straßen zu spazieren, selbst als relativ große Gruppe. Also sind wir mit ihm in ein Taxi gestiegen. Als wir dann aus dem Taxi heraus ein paar finstere Gestalten sahen, wurde uns klar, dass man in Kolumbiens Städten vorsichtig sein muss. Unter Tags fühlten wir uns in Poblado und auch in den restlichen Teilen der Stadt sehr wohl, wir haben uns aber immer an die Empfehlungen der Einheimischen gehalten.

Comuna 13

Die Comuna 13 heißt eigentlich San Javier und ist eine der 16 Comunas (Stadtteile) in Medellín. Über viele Jahre hinweg war die Comuna 13 Kriegsgebiet. Die Einwohner litten unter den Kämpfen zwischen den Drogenkartellen, Paramilitärs und den linken Farc-Guerillas. Sehr viele Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Zur Zeit Pablo Escobars war die Comuna 13 das gefährlichste Viertel der gefährlichsten Stadt der Welt. Im Jahr 1991 wurden 17 Menschen in Medellín getötet, jeden einzelnen Tag.

Man kann sich also kaum vorstellen, dass man nur einige Jahre nach dieser schrecklichen Periode als Ausländer ohne Probleme durch diese Stadtteile spazieren kann. Wir haben das mit der Graffiti Free Zippy Walking Tour gemacht. Die Comuna 13 wird heute täglich von hunderten Touristen besucht. Möglich macht das eine Kombination unterschiedlicher Veränderungen. Einerseits gibt es einen Deal zwischen der Regierung und den drei Kartellen, der ein gewaltfreies Leben möglich macht. Die Farc wurde offiziell aufgelöst und spielt (zumindest in den Städten) aktuell keine Rolle mehr. Außerdem wurden Rolltreppen und Seilbahnen in den Armenvierteln errichtet, um den Menschen zu ermöglichen, schneller in die Stadt und wieder zurück zu kommen. In der Comuna 13 ist der Altersdurchschnitt am höchsten, verglichen mit den anderen Stadtteilen. Street-Art spielt für den Tourismus wohl die größte Rolle. Man findet hier viele schöne und aussagekräftige Graffiti, die Künstler aus Medellín (aber auch vom Rest der Welt) hier an die Wände sprühen. Es war mehr als beeindruckend mitzuerleben, wie schnell sich eine Stadt vom gefährlichsten Ort der Welt in einen Touristenmagneten entwickeln kann.

Unser Guide Stiven war sehr enthusiastisch beim Erzählen über die Comuna 13. Kein Wunder, denn er ist hier geboren, aufgewachsen und hat diese schlimme Zeit hautnah miterlebt. Seine Familie wurde aus ihrem Zuhause am Land in der Nähe von Medellín vertrieben. Ihm war es nicht erlaubt die unsichtbaren Grenzen seiner Comuna zu übertreten. Zwei seiner besten Freunde wurden getötet, weil sie ihren Fuß in das falsche Viertel gesetzt haben. Heute erzählt er Touristen davon und auch davon, dass er jetzt zwei mal „Steuer“ zahlen muss. Einmal 19% an die Regierung, und ein Schutzgeld von ungefähr 5% seines Einkommens an das Kartell.

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Real City Tour

Weil wir von der Free Walking Tour durch die Comuna 13 so begeistert waren, haben wir gleich am nächsten Tag die nächste Free Walking Tour gemacht. Die Real City Tour wurde uns von Lina und Sina, zwei deutschen Backpackerinnen aus unserem Hostel, empfohlen und führte uns durch Downtown, Medellín. Man erfährt hier viel der (teilweise sehr traurigen) Geschichte der Stadt. Interessant war auch, dass niemand den Namen Pablo Escobars in den Mund nehmen will. Die Führerin dieser Gruppe hat stattdessen einfach Voldemort gesagt (der, dessen Name nicht genannt werden darf). Man spürt also deutlich, dass die Kolumbianer ihre Geschichte hinter sich lassen und nach vorne blicken wollen.

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Eine Seilbahn mitten in der Stadt

Nach der Real City Tour sind wir mit zwei der drei Seilbahnen gefahren und hatten dabei einen schönen Ausblick über Medellín. Die Fahrt mit einer Gondel erinnerte uns ein bisschen an Winterurlaub, nur war es eben mitten in einer Stadt. Die Seilbahnen sind direkt an die Metro angeschlossen, was bedeutet, dass man nichts extra zahlen muss, um damit fahren zu können. Aus einer Gondel konnten wir sogar den Highway sehen, der der Grund für die Kämpfe in der Comuna 13 war. Über diesen Highway ist nämlich das Kokain an die Pazifikküste gekommen, um von dort in die USA geschifft zu werden.

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Fußballmatch

Danach sind wir mit der Metro zum Estadio Atanasio Girardot gefahren und haben uns ein Fußballmatch gemeinsam mit Linda und Tim, zwei Schweizern (ja schon wieder Schweizer 😆) angesehen. Die beiden haben wir schon in Cartagena im Barbershop kennengelernt. Das Stadion war leider nicht annähernd voll, was zum einen wahrscheinlich daran lag, dass Independiente Medellín spielte und nicht das populärere Team Atlético Nacional. Außerdem begann das Spiel um vier Uhr nachmittags an einem Freitag, wo wohl die meisten Fußballfans noch arbeiten müssen. Einige Minuten nach dem Anpfiff begann es leider ziemlich stark zu regnen, weswegen wir kurzerhand nach innen geflüchtet sind. Der Regen ließ dann etwas nach und wir konnten den Rest des Spiels wieder draußen mitverfolgen.

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Am Abend trafen wir uns mit Lina, Sina, Linda und Tom in El Poblado und tauchten in einen sehr speziellen Swimming-Pool ein. Er befand sich in der La Octava Bar und war mit Plastikbällen gefüllt. Kurz nachdem wir überrascht den Pool im Kellergeschoss der Bar entdeckten, schnappte sich ein Einheimischer Tom und warf ihn mit den Worten „Welcome to Colombia“ hinein. Danach tranken wir in einer anderen Bar ein paar sehr spezielle Cocktails, aber seht selbst. 😉

Img Lina, Sina, Linda & Tim

Guatapé

Nach Medellín haben wir für eine Nacht Guatapé besucht, eine kleine Stadt, die viele Touristen anzieht. Dort befindet sich nämlich der Piedra del Peñol, von dem aus wir einen wunderschöne Ausblick auf eine Seenlandschaft hatten. Das Hostel Mi Casa, das sich ca. 4 km von der Stadt entfernt befindet, können wir auch sehr empfehlen, die Gastgeberin Susi war ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Man kommt sehr einfach mit Collectivos oder Tuk-Tuks – diese werden hier eigentlich Motocarros genannt – nach Guatapé. In der Stadt selbst und am Felsen waren sehr viele kolumbianische Tagestouristen, was wohl daran lag, dass wir am Samstag und Sonntag dort waren. Wir waren im Casa Cuba essen, was nicht nur ein kulinarisches Highlight war. Der Koch und seine Frau waren sehr liebenswert und haben uns große Lust gemacht, bald nach Cuba zu reisen.

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Wir verbessern unser Spanisch

Jetzt sind wir gerade in San Carlos, das sich noch ein bisschen weiter westlich von Medellín befindet, und lernen Spanisch bei Spanish Adventure, eine Spanisch-Schule, die uns jemand in Panama City empfohlen hat. Wie es uns dabei geht, beschreiben wir im nächsten Beitrag.