ReisetagebuchPeru

Unsere Odyssee nach Hause

Leider war der letzte Weg unserer Reise etwas holprig. Wir blicken dennoch mit großer Freude auf die vergangenen Monate zurück.

Armin

Geschrieben von Armin

05. Apr 2020 • 12 Min. Lesezeit

Unsere Odyssee nach Hause

In Cusco hatten wir trotz Quarantäne eine schöne Zeit, vor allem Dank der Mitarbeiter und Gäste in unserem Hotel. In diesem Blogbeitrag möchte ich die letzten, chaotischen Tage unserer Reise schildern. Ich habe, anders als bei den üblichen Reiseberichten, die Ereignisse wie in einem Tagebuch notiert, um nichts zu vergessen.

29. März 2020

Wir haben gestern am Morgen vom österreichischer Botschafter in Lima von einer Transportmöglichkeit mit einem von den Schweizern organisierten Buskonvoi von Cusco nach Lima erfahren. Auf unsere Fragen, wie es für uns von Lima weitergeht, wurde bis heute Vormittag nicht eingegangen. Wir haben angenommen, mit dem Schweizer Edelweiß-Flugzeug am Dienstag nach Zürich zu kommen. Die Informationen über diesen Flug haben wir von einer Schweizerin bekommen, die zufälligerweise im selben Hotel wie wir ist. Sie fährt heute mit einem dieser Busse nach Lima und fliegt am Dienstag in ihre Heimat.

Heute morgen haben wir ein sogenanntes Salvoconducto vom Botschafter bekommen, ein Dokument, das uns erlaubt von unserem Hotel in Cusco zum Bus-Terminal zu gehen. Es gelten ansonsten immer noch die Quarantänemaßnahmen. Perus Präsident Vizcarra hat den Notstand am Donnerstag bis mindesten 13. April verlängert.

Nach der fünften Nachfrage per Mail an den Botschafter kam diese Antwort: „Flug nach Zürich hat z.Zt. keine Plätze frei.“

Auf die Frage, ob wir trotzdem heute mit dem Bus nach Lima fahren sollen, wurde wieder nicht eingegangen. Natürlich wäre es logisch, dass unsere Chancen nach Europa zu kommen, in Lima größer sind als in Cusco. Leider ist die Angelegenheit aber in Peru nicht so einfach, wie es scheint. Ein kleiner Auszug eines E-Mails des deutschen auswärtigen Amts zur Lage in Lima:

Landegenehmigungen wurden versprochen, dann doch nicht erteilt; dann wurden absurde Zeitfenster angeboten, die mit internationalen luftfahrrechtlichen Regelungen nicht in Einklang zu bringen waren.

Weiter an alle deutschen Touristen in Cusco:

Wir halten eine Rückkehr nach Deutschland via Lima nach unseren bisherigen Erfahrungen für nicht praktikabel und durchführbar. Die Gefahr, dass man uns nicht ausreichend Landegenehmigungen für Rückkehrflüge von Lima aus erteilt und Sie in Lima stranden, ist zu groß. Ob die Flüge aus der Provinz nach Lima genehmigt werden, ist auch ein zu großer Unsicherheitsfaktor. Wir sind auch nicht davon überzeugt, dass der Landweg eine bessere Alternative nach Lima darstellt, auch wenn dies Botschaften anderer Länder anders sehen mögen und daher Busse auf den Weg geschickt haben.

Außerdem haben wir vom Konsulat in Cusco erfahren, dass wir, wenn wir in Lima ankommen und keinen Weiterflug haben, zwei Wochen in strenger Quarantäne verbringen müssen. Wir könnten dann also nicht einmal unser Hotelzimmer verlassen. Der österreichische Botschafter bestätigt diese Information nicht und behauptet im Grunde das Gegenteil.

Aufgrund all dieser Unsicherheiten werden alle Deutschen, die sich gerade in Cusco befinden, mittlerweile nicht mehr über Lima sondern Santiago de Chile geleitet. Von den deutschen Touristen, die in Peru festsitzen, wurde mittlerweile der Druck auf das auswärtige Amt und die peruanische Regierung über soziale und klassische Medien erhöht. Es gibt nun zahlreiche Artikel zu finden, in denen Deutsche ihre Situation und Frustration schildern.

Wir haben nach dieser E-Mail vom Botschafter, in der wir kurzfristig erfahren haben, dass wir keine Plätze im Schweizer Flugzeug haben, den österreichischen Konsul in Cusco – unsere erste Ansprechperson – angerufen. Er hat uns ganz klar gesagt, dass es keinen Sinn macht, nach Lima zu fahren, ohne Aussicht auf einen Flug nach Europa zu haben.

Danach haben wir den Botschafter telefonisch erreicht. Er hat es als Fehlinformation abgetan und darauf beharrt, dass es für uns nicht besser ist, in Cusco zu bleiben. Er riet uns nach Lima zu fahren ohne uns weitere Information mitzuteilen, wie es für uns von Lima nach Europa weitergehen könnte. Davon, dass die deutschen Behörden für ihre Touristen entschieden haben, dass Chile die weitaus bessere Option als Lima ist, wusste er offenbar nichts. Er meinte, dass nächste Woche Flüge von Lima geplant sind.

Miriams Eltern, die sich in Österreich befinden, haben kurz danach das Außenministerium in Wien angerufen und nach der Meinung für unsere Situation gefragt. Die Antwort des Mitarbeiters des österreichischen Außenministeriums: „Mein Bauchgefühl sagt mir, sie sollen in Cusco bleiben.“ Sie hätten keine konkreten Informationen über die Lage und erfahren immer erst zwei Tage im Voraus von Flügen.

Wir haben nur noch wenige Stunden, in denen wir entscheiden können, ob wir mit dem Bus 25 Stunden nach Lima fahren sollen, wo uns komplette Ungewissheit erwartet oder hier in Cusco im Hotel zu bleiben, wo wir seit zwei Wochen gut versorgt sind.

Wie ihr bereits erahnen könnt, sind wir rat- und sprachlos.


Wir haben uns nach weiteren Telefonaten mit dem Botschafter in Lima und dem Konsul in Cusco entschieden, mit dem Bus mitzufahren. Wir sind also um halb fünf mit einem Hotelmitarbeiter zum Busterminal in Cusco gefahren, wo bereits viele Touristen und Polizisten gewartet haben.

Nachdem wir ein Formular ausfüllen mussten, in dem wir uns verpflichteten, für die Heimreise zu zahlen und unsere Temperatur gemessen wurde, sind wir in den Bus Nr. 2 gestiegen, der letzte der vier Busse im Schweizer Konvoi. Um ca. 6 Uhr fuhren wir los.

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30. März 2020

Nach einer schlaflosen Nacht im Bus, sahen wir auf unsere Handys und mussten feststellen, dass wir nach ca. 12 Stunden noch nicht mal die Hälfte des Weges nach Lima geschafft hatten.

Um 7 Uhr früh wurde auch der letzte Passagier aus dem Schlaf gerissen. Unser Bus prallte in einer Linkskurve gegen eine Böschung aus Erde und Steinen und wurde wieder zurück auf die Fahrbahn geschleudert. Wir saßen in der vorletzten Sitzreihe und haben uns bei dem Unfall beide nicht verletzt. Daher konnten wir die Situation zuerst nicht einschätzen. Miriam war angeschnallt, ich nicht. Deshalb saß ich plötzlich auf Miriam drauf. Außerdem wurde meine Brille nach vorne geschleudert, weswegen ich ziemlich orientierungslos war.

Es dauerte nicht lange bis ein Schweizer Sanitäter in den Bus einstieg und fragte, ob jemand erste Hilfe braucht. Es waren einige Passagiere, auch im hinteren Teil des Busses, die Platz- und Schnittwunden im Gesicht hatten. Aber hinten war niemand ernsthaft verletzt. Danach fuhr jemand den Bus an den Straßenrand, um die Fahrbahn frei zu machen. Wir stiegen vorne aus und sahen nun erst das Ausmaß des Unfalls. Der vordere Teil des Busses war völlig zerstört. Der Fahrer, ein Beifahrer und zwei österreichische Passagiere wurden bereits mit einem Krankenwagen, der offensichtlich Teil des Konvois war, in ein Krankenhaus gefahren. Wir haben später erfahren, dass eine Passagierin einen Nasenbeinbruch erlitt, der andere ein Schleudertrauma und dass der Fahrer am schwersten verletzt und bewusstlos war.

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Wir warteten in etwa 3 Stunden neben der Straße. Glücklicherweise konnten alle Passagiere, die in dem Bus gesessen sind, auf andere Busse und Begleitfahrzeuge aufgeteilt werden und die Fahrt nach Lima fortsetzen.

Um ca. 6 Uhr Abends, also nach 24 Stunden Busfahrt, kam bei einem der vielen Zwischenstopps ein Schweizer in den Bus und sagte allen Österreichern, dass sie doch mit dem Flieger in die Schweiz mitfliegen können. Das kam für uns völlig unverhofft. Wir waren uns sicher, dass wir nur bis Lima mitfahren können und dann auf einen anderen Flug im Laufe der nächsten Woche hoffen müssen.

Um halb 9 erreichten wir endlich das Hotel Estellar Miraflores in Lima und mussten ziemlich lange im Bus warten, weil ein Bus nach dem anderen abgefertigt wurde. Als wir endlich in der Hotel-Lobby waren, erfuhren wir, dass für uns Österreicher von unserer Botschaft keine Zimmer reserviert wurden. Wir mussten also noch bis ca. halb 11 warten und bekamen dann doch ein freies Doppelzimmer im Hotel. Nun aßen wir noch schnell zu Abend. Das Buffet war mittlerweile auf Reis mit Soße beschränkt, weil die anderen Reisenden viel früher essen gehen konnten. Aber es war nach 30 Stunden im Bus mit kalten Snacks zumindest warm.

Img Die Aussicht von unserem Hotelzimmer

31. März 2020

Nach einer erholsamen Nacht gingen wir um halb 8 frühstücken und standen mit allen anderen Touristen um Viertel nach 9 in der Lobby bereit, um auf 8 Busse aufgeteilt zu werden. Wir haben in dieser Lobby von Schweizern erfahren, dass der Flug um 4 Uhr Nachmittags startet und ca. um halb 12 Mittags am nächsten Tag in Zürich landen wird. Offizielle Informationen von unserer Botschaft haben wir keine erhalten.

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Über WhatsApp haben wir von den deutschen Touristen, die noch immer in dem Hotel in Cusco saßen, erfahren, dass sie am Mittwoch oder Donnerstag von Cusco nach Santiago de Chile und weiter nach Frankfurt fliegen können. Da hätten wir höchstwahrscheinlich mitfliegen können. Es erreichten uns auch E-Mails von der deutschen Botschaft in Lima, sogenannte Landsleute-Briefe, mit detaillierten Informationen zur Lage in den verschiedenen Gebieten Perus und Aufforderungen was jeweils zu tun ist. Etwas, das wir von der österreichischen Botschaft in dieser Art nie erhalten haben.

Auf dem Weg zum Flughafen sahen wir viele Menschen, die lange Schlangen vor den Banken bildeten. Einige von ihnen haben uns zugewunken oder zeigten den Daumen nach oben. Wir sind uns nicht sicher, ob sie sich für uns freuten oder froh waren, dass die Gringos, die das Virus in ihr Land gebracht haben, endlich nach Hause gehen.

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Um 11:45 kamen wir am militärischen Teil des Flughafens Lima an, der zivile Teil ist seit mittlerweile über zwei Wochen geschlossen. Der Flug ist für 4 Uhr Nachmittags angesetzt. Im provisorisch mit Zelten aufgebauten Wartebereich entdeckte ich die beiden verletzten Passagiere und es stellte sich heraus, dass sie auch Österreicher sind. Der Schweizer Botschafter und einige seiner Mitarbeiter kümmerten sich um sie und machten ein paar Selfies gemeinsam mit ihnen. Ich sprach kurz mit der Verletzten, sie hatte eine gebrochene Nase und eine Halskrause. Der Kopf von ihrem Freund war einbandagiert, seine Hose blutig. Vom österreichischen Botschafter nach wie vor keine Spur.

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Um 13:45 stiegen wir noch einmal in einen der acht Busse und fuhren zur Schweizer Edelweiss-Maschine. Die Besatzung stieg in das Flugzeug und dann wurde wieder ein Bus nach dem anderen abgefertigt. Wir sahen nochmal kurz die beiden verletzten Österreicher in der Business Class. Sie musste die Reise horizontal, im Liegen, hinter sich bringen. Kurz vor Abflug sprach der Schweizer Botschafter zu allen Passagieren über die Kabinenlautsprecher: „Vergessen Sie nie, Sie können sich auf Ihr Land verlassen.“ Um 15:25 sind wir Richtung Heimat abgehoben.

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1. April

Nach ca. 12 Stunden Flugzeit und drei Filmen – Bombshell, The Farewell, Ad Astra – setzten wir um 10:30 Ortszeit in Zürich auf. Wir konnten, wie üblich, beide nicht wirklich schlafen während des Fluges. Das Essen im Flieger war überraschend gut, es gab sogar echten Schweizer Käse – nicht das, was man in Lateinamerika unter Swiss Cheese versteht.

Bei der Einreise am Flughafen Zürich gab es zwei Wege, einen für Schweizer Staatsangehörige und einen für alle Anderen. Wir gingen also zu den Beamten. Miriam wurde relativ schnell durchgewunken. Ich wurde gefragt, wie wir jetzt weiter nach Österreich kommen. Ich sagte offen und ehrlich, dass ich es nicht wüsste und wir vorhaben, mit dem Zug oder einem Flugzeug in unser Heimatland zu kommen. Wir waren uns noch nicht im Klaren, dass es gar keine Flüge mehr gibt und auch keinen internationalen Zugverkehr. Die Grenzbeamte sagte zu ihrem Kollegen, bei dem Miriam stand: „Die wissen noch nicht, wie sie weiterkommen.“ Die Antwort gefiel mir: „Soll ich sie jetzt wieder zurück nach Lima schicken?“

Also ging es für uns weiter in die Eingangshalle des Terminals. Dort wartete ein Herr mit einem A4-Zettel, auf dem eine Österreich-Flagge gedruckt war. Ich sprach ihn an und sagte, dass wir Österreicher sind. Er drückte uns ein Formular in die Hand und erklärte uns, dass es einen Bus nach Wien gibt. Es stellte sich heraus, dass es der österreichische Botschafter in Bern war. Wir wurden aufgefordert, das Formular zu unterschreiben mit dem Hinweis, dass die Busfahrt 150 Euro pro Person kostet. Da wir vor unserer Reise unsere Wohnung in Wien gekündigte haben, fragte ich ihn, ob wir auch in Amstetten (bei unseren Eltern) aussteigen könnten, weil das ja am Weg nach Wien liegt. Die Antwort: „Des wird’s oba ned spün.“

Wir stiegen also gemeinsam mit elf anderen Österreichern, die auch mit dem selben Flieger von Peru in die Schweiz gekommen sind, in den Bus. Ich fragte nochmal den Busfahrer, der Gott sei Dank kein Beamter war, ob wir in Amstetten aussteigen könnten. Zwei andere Passagiere wollten in Linz raus. Der Schweizer Busfahrer erklärte uns, dass er nur bis Salzburg fährt und dann ein österreichischer Kollege übernimmt. Es wäre aber sicher kein Problem.

Bei der Einreise nach Österreich wurden wir nicht kontrolliert. Als wir dann aber über das kleine deutsche Eck fahren wollten, erklärten die bayrischen Grenzbeamten dem Busfahrer, dass das nicht möglich sei und wir zurück nach Kufstein müssten. Es wäre kein triftiger Grund, nur wegen einer Zeitersparnis über Deutschland zu fahren. Wir mussten also über Lofer und Bischofshofen nach Salzburg und verloren dabei ungefähr zwei Stunden.

Um halb 11 sind wir endlich in Amstetten angekommen und wurden beide von unseren Eltern abgeholt. Wir wussten alle, dass wir uns nicht umarmen sollten, aber nach viereinhalb Monaten und diesem ganzen Hin und Her, war es einfach unmöglich, sich nicht in die Arme zu fallen. Außerdem hatten wir ja schon mehr als zwei Wochen in Cusco in Quarantäne verbracht und keine Symptome aufgewiesen. Ich habe mich dann auch von Miriam verabschiedet. Nachdem wir für so lange Zeit ununterbrochen gemeinsam unterwegs waren, haben wir uns entschieden, unsere Heimquarantäne nicht gemeinsam, sondern bei unseren Eltern zu verbringen. Nicht, weil wir uns nicht mehr sehen können, aber weil wir unglaublich dankbar waren, endlich wieder bei unseren Familien zu sein.

Das Ende der Reise

Wir sind also wieder zu Hause. Die Reise haben wir ein paar Wochen früher als geplant beendet. Da diese Schilderung der letzten Tage eher weniger positiv ausfiel, werden wir in den nächsten Tagen die Reise Revue passieren lassen und unsere Gedanken dazu in einem Blogbeitrag niederschreiben. Das wird also der letzte Corona-Beitrag bleiben.